
Wie man Wetterberichte mit öffentlichen Daten des DWD und Googles text to speech API selber machen kann.
Eine ausführliche Analyse
Auschnitt aus der Temperaturwetterkarte der Tagesschau.
"Wir sind am *rsch" [9]: Youtube-Teaser des offiziellen Kanals von Terra X Lesch & Co.
Offenbar verwendet man auch beim ÖRR Click- und Ragebait im Kampf um höhere Zugriffszahlen.
In diesem Artikel geht es um die Qualität der Temperaturkarte des Wetterberichtes der Tagesschau. Denn jedes Jahr im Sommer wird über deren Farbskala gestritten. Vor dem Hintergrund des Klimawandels steht der Vorwurf im Raum, dass diese in erster Linie eine politische und weniger eine meteorologische Botschaft transportieren soll. Kritiker werfen der Tagesschau vor, die Sättigung der Temperaturkarten bewusst erhöht zu haben, um ein größeres Gefahrenpotenzial zu suggerieren.
Die ARD weist diesen Vorwurf zurück, allerdings fehlt bei deren Wetterkarten eine konsistente Offenlegung von Farbskalen und Bearbeitungsschritten. Das erschwert Vergleiche und nährt Zweifel. Das auch, weil im öffentlich rechtlichen Rundfunk Wetter- und Klimaberichterstattung oftmals eher als gesellschaftspolitisches denn als meteorologisches Thema präsentiert wird.
Bereits im Kinderprogramm wird mit Beiträgen über Wortschöpfungen wie "Klimaschuld", "Klimaangst" und "Klimawut" eine auf Schuldzuschreibung und Gefühlslagen fokussierte Tonlage angeschlagen. Im ZDF werden Beiträge über Klimapolitik auch schon mal mit "Wir sind am *rsch" (ZDF/Terra-X) betitelt. Es liegt daher nahe zu prüfen, ob dem sprachlichen Framing nicht auch ein visuelles folgt.
Der Tagesschau-Wetterbericht folgt einem festen Ablauf. Er beginnt mit dem Blick auf die großräumige Wetterlage in Europa und einem Wolkenfilm. Dann folgt die Heranführung auf Deutschland mit einem zweiten, detailierteren Wolkenfilm, danach kommen Wind- und Temperaturkarten sowie ein kurzer Ausblick auf die nächsten drei Tage. Die Reihenfolge führt vom Großen ins Kleine und erklärt Ursachen, bevor Wirkungen gezeigt werden.
Als Beispiel folgt hier der Tagesschau-Wetterbericht vom 20.08.2009 in 6 Bildern:
Teil 1: EU Wolkenfilm
Teil 2: Wolkenfilm Deutschland
Teil 3: Deutschland Windvorhersage (fehlt in neueren Wetterberichten)
Teil 4: Temperaturen der nächsten Nacht
Teil 5: Temperaturen des nächsten Tages
Teil 6: Drei Tagesvorhersage
Das Beispiel ist von 2009 aber bis heute hat sich am Aufbau nicht viel geändert. Die Grafik wurde modernisiert. Auf die Windvorhersage scheint man aktuell entweder zu verzichten oder sie wird generell nur angezeigt, wenn Windereignisse anstehen. Von insgesamt sechs verschiedenen Karten sind lediglich die in den Teilen vier und fünf Temperaturkarten. Bei den anderen handelt es sich um topografische Karten.
Die Wahl einer geeigneten Farbskala ist entscheidend für die Verständlichkeit und Aussagekraft meteorologischer Karten. Farben dienen hier nicht nur der dekorativen Gestaltung, sondern sind ein wesentliches Mittel zur Informationsvermittlung.
Eine gut gestaltete Temperaturfarbskala ermöglicht es Betrachtern, Temperaturunterschiede intuitiv, präzise und ohne kognitive Fehlinterpretationen zu erfassen. Dabei müssen sowohl physiologische Aspekte der Farbwahrnehmung als auch technische und gestalterische Anforderungen berücksichtigt werden. Um die Qualität der Farbskala zu beurteilten werden wir die folgende 7 Kriterien betrachten.
| Kriterium | Beschreibung |
|---|---|
| Eindeutigkeit | Jede Farbe sollte eindeutig einem Temperaturbereich zugeordnet sein. |
| Gleichmäßigkeit | Gleiche Temperaturunterschiede sollten als gleich große Farbunterschiede wahrgenommen werden. |
| Monotonie | Die Skala sollte sich kontinuierlich ohne abrupte Sprünge oder Wiederholungen verändern. |
| Intuitive Zuordnung | Farbassoziationen sollten dem allgemeinen Empfinden entsprechen (z. B. Blau für kalt, Rot für heiß). |
| Kontrast | Benachbarte Farben müssen sich ausreichend unterscheiden, um Temperaturzonen klar abzugrenzen. |
| Neutralität | Die Farbwahl darf keine suggestive oder emotional wertende Wirkung erzeugen, die Wetterereignisse überinterpretiert. |
| Druck- und Anzeigeeignung | Die Skala soll auf verschiedenen Medien und Geräten (Monitor, TV, Druck) gut lesbar und konsistent dargestellt werden. |
Die tiefste offiziell in Deutschland gemessene Temperatur beträgt -37.8°C die höchste 41.2°C. Das ist ein Temperaturdifferenz von fast 80 Kelvin. Eine Temperaturskala die den gesamten Bereich abdeckt würde bei den kleineren täglichen Temperaturdifferenzen nur geringe Farbkontraste aufweisen.
Nach eigenen Angaben hat die ARD die Farbskala der Temperaturkarten in den letzten Jahrzehnten mehrfach geändert und zwar in den Jahren 2005 und 2014 [4]. Dafür gibt man technische Gründe, wie Verbesserung der Übertragungstechnik an. Darüber hinaus erfolgt auch ein Wechsel der Temperaturskalen mit den Jahreszeiten aber auch innerhalb dieser, wenn die Temperaturen dies erfordern. Ob es feste Temperaturschwellen gibt oder ob der Wechsel eine redaktionelle Entscheidung ist, wird nicht kommuniziert.
Die Verwendung von verschiedenen Skalen ermöglicht zwar eine bessere Auflösung in den jahreszeitlich unterschiedlichen Temperaturbereichen, macht aber direkte Kartenvergleiche schwierig. Im Prinzip verbittet man sich daher bei der ARD jedwede Vergleiche von Temperaturkarten. Immer mit dem Hinweis, das es nicht zulässig sei Karten mit verschiedenen Farbskalen zu vergleichen. Dabei hat man nie Farbskalen oder die Kriterien zu deren Verwendung offengelegt. Wieso man die Temperaturlegende nicht veröffentlicht ist unklar, beim DWD ist das selbstverständlich (Bild ?).
Um einen prinzipiellen Eindruck der verwendeten Farbsskala zu bekommen vergleichen wir Temperaturkarten von DWD und Tagesschau für den 17.04.2025. Es war ein ungewöhnlicher Tag mit hohen Temperaturdifferenzen von 21 Kelvin zwischen Ost- und Westdeutschland und einem fast horizontal verlaufenden Temperaturgefälle [10]. Ein Umstand, der die Farbskala besonders gut zur Geltung bringt und indirekt offenlegt.
Temperaturkarte des Deutschen Wetterdienstes (DWD) für den 17.04.2025. Ein Tag mit besonders hohen Temperaturdifferenzen
und einem deutlichen West-Ost Temperaturgefälle. Eine optisch ansprechend gestaltete Temperaturkarte mit
Darstellung der Farbskala in der Legende.
Die Temperaturvorhersagekarte der Tagesschau für den 17.04.2025.
Eine Farbskala wird nicht angezeigt. Genug Platz für die Temperaturlegende währe vorhanden gewesen. Trotz dieser Schwächen ist diese
Karte optisch gelungen. Die Frage ob tiefrote Farben ab 23 °C gerechtfertigt sind bleibt jedoch.
Beide Karten vermitteln die Temperatursituation gut. Sie sehen ähnlich aus, was die Farbwechsel angeht. Man sieht, dass auch die Temperaturskala des DWD erst bei 2° beginnt — Zu warm für eine Ganzjahresskala aber transparent ausgewiesen. In der Karte des DWD sieht man eine schärfere Trennung zwischen Kaltgebieten im Westen und Warmgebieten im Osten. Der farblich Gesamtkarteneindruck beider Karten ist ausgewogen. Die Sättigung der Rottöne in der Tagesschau ist jedoch höher und man wechselt bereits bei ungefähr 23 °C in ein kräftiges Rot.
Diese grafische Darstellung des CIE-1931 Farbraumes stellt die Gesamtheit aller vom Normalbeobachter
wahrnehmbaren Farben da. Darin eingetragen sind die Farbumfänge von verschiedenen Anzeigegeräten.
Farben sind keine objektiven Eigenschaften von Licht, sondern Ergebnisse der Wahrnehmung. Das Auge reagiert auf elektromagnetische Strahlung zwischen etwa 380 und 780 nm. Drei Typen von Sinneszellen (S-, M- und L-Zapfen) wandeln Licht in Nervenimpulse um. Ihre relative Erregung bestimmt das Farbempfinden.
Um den Zusammenhang zwischen physikalischem Reiz und wahrgenommener Farbe zu quantifizieren, definierte die Internationale Beleuchtungskommission 1931 den CIE-1931-Farbraum. Er beschreibt mathematisch alle Farben, die ein durchschnittlicher Beobachter sehen kann. In einer CIE-xy-Darstellung können dann technische Farbräume wie PAL/EBU und Rec. 709 eingezeichnet werden um die Grenzen des darstellbaren Farbbereiches von verschiedenen Anzeigetechniken abzubilden.
Die hier analysierten Temperaturkarten wurden aus dem ARD-Archiv digitalisiert und liegen daher im Rec. 709-Farbraum vor. Alle in diesem Artikel gezeigten Farbmessungen und Diagramme beziehen sich daher darauf.
Aus den Temperaturkarten lässt sich eine Basisfarbskala rekonstruieren: Jeder Temperaturwert ist mit einer farbigen Box hinterlegt, deren Farbe dem Skalenwert der angegebenen Temperatur entspricht. Für die Rekonstruktion wurden 28 Temperaturkarten des Jahres 2025 automatisiert ausgewertet. Die Karten spiegeln das gesamte Temperaturspektrum wider. Berücksichtigt wurden über das Jahr verteilte Tages- und Nachttemperaturkarten, die einen Bereich von −20 °C bis 40 °C abdecken. In jeder Karte wurden die Temperaturwerte per Texterkennung (OCR) extrahiert und die Farbe der dazugehörigen Box mit einem Python-Skript bestimmt. Trat ein Temperaturwert in einer Karte mehrfach auf, wurden die Farbmessungen gemittelt.
Darstellung aller gesampelten Temperatur-RGB Wertepaare in einem 3D-Diagramm des RGB Farbraumes.
Jeder Punkt repräsentiert ein Temperaturlabel in einer Temperaturkarte. Die niedrigen Temperaturen
streuen stärker als die hohen. In den Temperaturkarten waren das Werte von unter -5 °C.
Die eingetragene Linie ist ein an die Punkte angefittetes Polynom 7. Grades.
Darstellung aller gesampelten Temperatur-RGB Wertepaare in einem Cie-1931 Diagramm.
Die Punkte liegen auf einer Linie. Lediglich bei den blauen Farbtönen, welche niedrige
Temperaturen repräsentieren streuen sie stärker. An jedem Punkt ist zusätzlich der Temperaturwert
verzeichnet, den diese Farbe in den Karten repräsentiert. Weil die Skalen wechseln können die
gleichen Temperaturen von verschiedenen Farben repräsentiert werden.
Im CIE-1931-xy-Diagramm ist gut zu erkennen, dass die gesampelten Punkte dieser Skala näherungsweise auf einer Kurve liegen. Ein an diese Punkte gefittetes Polynom erlaubt eine Rekonstruktion der Basisfarbskala wenn man die Temperatur als Kurvenparameter versteht. Die Zuweisung von Temperaturen ist zunächst nicht möglich, da die Temperatur-Farbzuordnungen in den Eingangskarten nicht eindeutig sind.
Rekonstruierte Basisfarbskala der Tagesschau-Temperaturkarten. Diese Näherung dürfte ziemlich genau am Original liegen.
Konkrete Temperaturwerte sind hier nicht angegeben, weil für die Wetterkarten immer nur ein Ausschnitt die Skala
verwendet wird. Die Lage dieses Ausschnittes und damit auch die Zuweisung zu bestimmten Temperaturen kann sich ändern.
Die Skala führt von Blau über Grün und Orange zu Rot. Sowohl sehr niedrige als auch sehr hohe Temperaturen befinden sich jeweils an den Grenzen bzw. Ecken des darstellbaren Farbraumes (Bild ?). Die Skala nutzt dessen technische Möglichkeiten also voll aus. Ein besondere Wichtung roter Farbtöne ist in der Farbskala zunächst nicht erkennbar. Mit einer solchen Skala ließe sich das nur erreichen, wenn die Temperaturwerte nichtlinear an ihr verteilt werden würden.
Inkonsistenzen in der Farbdarstellung sind für tiefe Temperaturen zu beobachten, denn dort streuen die verwendeten blautöne erheblich (Bild ?). Im roten Teil der Skala ist das nicht zu beobachten.
Bei allen Diskussionen ist die Rotfärbung ist der Stein des Anstoßes. Rot wird im allgemeinen Farbempfinden als Warnfarbe wahrgenommen. Exemplarisch sei hier auf die ISO 3864 Norm verwiesen, einem Standard für Schilder und Markierungen am Arbeitsplatz und in öffentlichen Einrichtungen. Diese legt beispielsweise Rot als Farbe für Verbote und zur Kenntlichmachung von hohem Risiko fest.
| Risikostufe | Signalwort | Hintergrundfarbe | Kontrastfarbe | RGB Hex | Farbbeispiel |
|---|---|---|---|---|---|
| Geringes Risiko | VORSICHT | Gelb | Schwarz | #F9A900 | |
| Mittleres Risiko | WARNUNG | Orange | Schwarz | #D05D29 | |
| Hohes Risiko | GEFAHR | Rot | Weiß | #9B2423 |
Zuweisung von Farben zu Risikostufen noch ISO 3864-2:2016
Auch wenn Normen wie die ISO 3864 nichts mit Wetterberichten zu tun haben, ist es für intuitiv verständliche Designs grundsätzlich sinnvoll, auf etablierte Form- und Farbkonventionen zurückzugreifen. Daher liegt es nahe, Gefahren durch hohe Temperaturen ebenfalls mit entsprechenden Warnfarben darzustellen. Es sollte daher untersucht werden, ob die Verwendung von Rottönen in einem sinnvollen Zusammenhang mit den von hohen Temperaturen ausgehenden Gesundheitsrisiken steht.
Maximaltemperaturen in Deutschland seit 2003 mit Trendlinie (blau). Der bisherige Allzeit-Temperaturrekord liegt
bei 41.2 °C am 25. Juli 2019.
Insgesamt zeigt sich ein ansteigender Trend bei den Maximaltemperaturen über die Länge der Beobachtungsperiode.
Das ist erwähnenswert weil in den unten gezeigten Wetterkaten die jüngere Jahrgänge diesem Trend folgend tendenziell auch
die wärmsten sein werden.
Um farbliche Veränderungen zu veranschaulichen schauen wir uns die zeitliche Entwicklung der Temperaturkarten an. Dafür untersuchen wir alle im Internet auffindbaren Karten für den jeweils heißesten Tag des Jahres in Deutschland seit 2003. Diese Auswahl soll sicherstellen, dass die Farbskalen der Karten die extremste Kartenfärbung eines Jahres zeigt. Vergleiche innerhalb des Jahres sind nicht sinnvoll, da die Farbskala nach Angaben der Wetterredaktion jahreszeitlich und auch darüber hinaus variiert.
Wir möchten nur untersuchen, wie und ob sich diese Darstellung der Extremwerte im Laufe der Zeit verändert hat, denn die Kontroversen drehen sich immer nur um die Darstellung der wärmsten Temperaturen. Niemand hat bislang eine Winter- oder Frühlingskarte kritisiert. Im Diagramm rechts (Bild ?) sind die dazugehörigen Temperaturwerte aufgetragen. Die Trendlinie zeigt einen leichten Anstieg der Maximaltemperaturen im Beobachtungszeitraum. Die bislang höchste in Deutschland gemessene Temperatur beträgt 41.2 °C am 25. Juli 2019. Darüber hinaus zeigt sich ein genereller Anstieg der Maximaltemperaturen im Beobachtungszeitraum.
2003-08-12; Höchsttemperatur: 40,2 °C
2004-08-05; Höchsttemperatur: 34,5 °C
2005-07-27; Höchsttemperatur: 36,7 °C
2008-07-01; Höchsttemperatur: 36,4 °C
2009-08-19; Höchsttemperatur: 37,8 °C
2010-07-09; Höchsttemperatur: 38,8 °C
2011-08-21; Höchsttemperatur: 36,7 °C
2012-08-18; Höchsttemperatur: 39,0 °C
2013-07-26; Höchsttemperatur: 38,6 °C
2014-06-08; Höchsttemperatur: 37,7 °C
2015-07-04; Höchsttemperatur: 40,3 °C
2016-08-26; Höchsttemperatur: 37,9 °C
2017-06-21; Höchsttemperatur: 37,2 °C
2018-07-30; Höchsttemperatur: 37,2 °C
2019-07-23; Höchsttemperatur: 41,2 °C
2020-08-08; Höchsttemperatur: 38,6 °C
2021-06-15; Höchsttemperatur: 36,6 °C
2022-07-18; Höchsttemperatur: 40,1 °C
2023-07-08; Höchsttemperatur: 38,8 °C
2024-08-12; Höchsttemperatur: 36,5 °C
2025-07-01; Höchsttemperatur: 39,1 °C
Tiefrote Temperaturkarten gab es bereits im Jahr 2003 allerdings mit blasseren Farbtönen. Die Sättigung der roten Farbtöne, welche Temperaturen über 35 °C repräsentieren ist seit 2014 sehr hoch. Das dies bei den für Deutschland zu erwartenden Maximaltemperaturen von 38 bis 42 Grad geschieht sollte eigentlich nicht überraschen.
Es ist auffälltg, dass in den Temperaturkarten das Gebiet Deutschlands heller dargestellt wird als dessen Umgebung. Das liegt vermutlich daran, das man für die Karten der verschiedenen Segmente des Wetterberichtes die gleiche topografische Basiskarte verwendet. In dieser ist Deutschland hell hervorgehoben. Kritikwürdig ist, das diese Karte auch für die farbigen Temperaturkarten verwendet wird. Durch diese Art der Hervorhebung wird die Temperaturdarstellung außerhalb der Landesgrenzen verfälscht. Das ist in fast allen historischen Temperaturkarten der Tagesschau zu sehen, außer in denen von 2005.
Besonders deutlich kann man dies durch eine HSV-Zerlegung sichtbar machen. Der HSV Farbraum ist ein Farbraum in dem Farben nicht durch Rot, Grün und Blauanteile definiert werden sondern durch die drei Komponenten H-Hue (Farbton), S-Saturation (Sättigung) und V-Value (Helligkeitswert). Betrachtet man die drei Komponenten getrennt, so sieht man weder im Kanal des Farbtons noch im Sättigungskanal die Landesgrenzen. Im Helligkeitskanal treten diese deutlich zu Tage. Dieser sieht wie die schwarzweiß Version der topografischen Karte aus.
Die Aufteilung einer Temperaturkarte in HSV Kanäle offenbart die selektive Aufhellung von Deutschland in den
Temperaturkarten. Während im Farbton- und im Sättigungskanal keine Grenzen erkennbar sind, ist im
Helligkeitskanal Deutschland in Gänze deutlich heller dargestellt. Temperaturen ausserhalb von Deutschland
werden also mit der gleichen Sättigung und dem gleichen Farbton dargetellt, allerdings dunkler als die selbe Temperatur
innerhalb der Landesgrenzen.
Selektive Aufhellungen sind in Fotografie und Bildbearbeitung ein gängiges Mittel um die Aufmerksamkeit des Betrachters zu lenken. Für Karten die Daten mittels Farbabstufungen visualisieren ist es eine schlechte Entscheidung. Im Kontext einer wissenschaftlichen Veröffentlichung wäre das unzulässig und könnte als Manipulation gesehen werden.
Originale Temperaturkarte mit leicht aufgehellten Landesfläche.
Bearbeitete Version mit reduzierter Aufhellung der Landesfläche.
Der Effekt dieser Aufhellung in neueren Karten ist allerdings gering und wenn man diese entfernt, so ändert sich am Gesamteindruck nicht viel. Darüberhinaus verzichtet man in der Karte auf die Angabe von Temperaturwerten außerhalb der deutschen Landesgrenzen. Die Tagesschau ist mit dieser Art der Bearbeitung nicht alleine, denn auch die in diesem Artikel gezeigten Temperaturkarten des DWD verwenden die gleiche Hervorhebung.
Darstellung des über die Farbkanäle ermittelten Farbmedianwertes der
Temperaturkarten. Die Farbskala von 2005 fällt deutlich aus dem Rahmen.
Der Vergleich der Wetterkarten vom 19. Juli aus den Jahren 2005 und 2025 zeigt eine deutliche
"Rotverschiebung" der jüngeren Karte. (Quelle: Die Mediatheke 357; Massengeschmack TV; [7])
Wie Bild ? zeigt, decken die meisten Karten einen ähnlichen Farbbereich ab, wenn man die über deren Farbkanäle ermittelten Medianfarben darstellt. Eine fällt farblich allerdings aus dem Rahmen. Es ist die Temperaturkarte von 2005 (Bild ?). Nur in diesem Jahr dominieren bei einer Maximaltemperatur von 36,7 °C grüne und orange Farbtöne.
Leider waren die Tagesschau-Aufzeichnungen der Jahre 2006 und 2007 im Archiv nicht verfügbar, weshalb ich nicht sagen kann, wie lange diese farbliche Anomalie andauerte. Laut Angaben der ARD wurde die Farbskala 2005 geändert. Wie oft das in diesem Jahr geschah, wurde allerdings nicht erwähnt. Es ist möglich, dass man die Farbskala in diesem Jahr mehrfach angepasst hat, weil man mit dem Ergebnis nicht zufrieden war. Spätestens seit 2008 erscheint die Karte aber wieder in einem kräftigeren Rot. Eine kontinuierliche Farbverschiebung über die Jahre hinweg ist nicht erkennbar. Die Zeitpunkte der von der Wetterredaktion der Tagesschau erwähnten Wechsel der Farbskala in den Jahren 2005 und 2014 sind zu erahnen.
Im Sommer 2025 kursierte ein Vergleich von Temperaturkarten der Jahre 2005 und 2025 für den 19. Juli. Bei diesen ist tatsächlich eine deutliche "Rotverschiebung" der Farbskala trotz vergleichbarer Temperaturen zu erkennen [7]. Allerdings liegt die Anomalie nicht in den Farben der Temperaturkarte von 2025 sondern in denen der Karte von 2005.
Auf Nachfrage erklärte die ARD die Farbveränderung mit technischen Gründen. Das ist für diesen speziellen Fall aber nicht nachvollziehbar denn die hier gezeigte Änderung betrifft in erster Linie den Farbton. Es gibt keinen in der Übertragungs- oder Anzeigetechnik liegenden Grund, welcher eine Verschiebung von Grün- zu Rottönen erstrebenswert machen würden.
Das ist allerdings irrelevant. Eigentlich sollte man die Farbskala von 2005 in Frage stellen (Bild ?). Sie hat nur geringe Farbkontraste und ihr grünlich-orangefarbener Gesamteindruck bei Temperaturen von um die 30 Grad scheint unpassend. Die Karte von 2025 würde vermutlich niemand kritisieren wenn man sie isoliert betrachtet.
Die ältesten Temperaturkarten aus den Jahren 2003 und 2004 zeigen eine Farbskala mit deutlich geringerer Sättigung. Die ARD erklärt das mit Veränderungen in der Übertragungs- und Sendetechnik, welche eine Anpassung der Farbskala notwendig gemacht haben. Tatsächlich haben sich Sende-, Übertragungs- und Anzeigetechnik stetig weiterentwickelt: Röhrenfernseher wurden durch Flachbildschirme mit LED-, Plasma- und zuletzt OLED-Technologie ersetzt. Der analoge PAL-Standard wich digitalen Verfahren wie DVB mit HD- und 4K-Auflösung.
Um diese Behauptung zu überprüfen, müssen wir uns sowohl mit der menschlichen Farbwahrnehmung als auch mit den technischen Möglichkeiten der Farbdarstellung befassen. Das Farbempfinden entsteht durch drei Typen von Rezeptoren (Zapfen) im Auge:
Die spektrale Empfindlichkeit der Zapfen überlappt stark, weshalb die Farbwahrnehmung auf der relativen Erregung aller drei Typen beruht. Dieses Prinzip wird trichromatische Farbwahrnehmung genannt. Die Farben entstehen erst durch die Verarbeitung der Zapfensignale im Gehirn. Um den Zusammenhang zwischen physikalischem Reiz und empfundener Farbe mathematisch zu beschreiben, entwickelte die Internationale Beleuchtungskommission (CIE) 1931 auf Basis von Experimenten mit Testpersonen das CIE-1931-Farbmodell. Damit konnte erstmals der gesamte für den „CIE-Normalbeobachter“ wahrnehmbare Farbraum quantifiziert und in Diagrammen wie dem bekannten CIE-1931-xy-Chromatizitätsdiagramm dargestellt werden.
Monitore und Displays können nur einen Teil dieses Farbraums wiedergeben. Dieser darstellbare Teilbereich wird als Gamut (oder Farbumfang) bezeichnet. Seine Eckpunkte werden durch die Primärfarben Rot, Grün und Blau des Anzeigegeräts bestimmt. Ein größerer Farbumfang erlaubt die Wiedergabe von mehr Farben. Die Diagramme oben zeigen den CIE-1931 Farbraum und darin als Dreiecke die Farbumfänge von:
PAL/EBU:
Zielfarbraum für alte, analoge, Fernsehübertragungen.
HDTV/Rec. 709:
Zielfarbraum für das modernere, digitale HDTV Format.
Avg. CRT:
Mittlerer tatsächlich darstellbarer Farbraum von Röhrenmonitoren. (nach [13])
Die hier ausgewerteten Temperaturkarten entstammen dem Online-Archiv der ARD und wurden daher systembedingt bei ihrer Digitalisierung in den Farbraum Rec. 709 umgerechnet. Dieser unterscheidet sich nur minimal vom PAL/EBU-Farbraum. In die Diagramme wurden jeweils 100.000 zufällig ausgewählte Pixel aus den Temperaturkarten der Jahre 2003, 2012 und 2022 eingetragen, um deren Verteilung zu analysieren.
Temperaturkarte vom 12.08.2003. Die meisten der untersuchten Pixel befinden sich innerhalb des, auf einem Röhrenmonitor
darstellbaren Farbumfanges (gelbes Dreieck). Die Pixel, welche außerhalb liegen sind rosafarben. Solche Farbtöne dominieren
diese Karte außerhalb der Landesfläche (Bild ?).
Temperaturkarte vom 18.08.2012. Die "Rote Ecke" des tatsächlich verwendeten Farbraumes befindet sich genau an der Stelle,
die ein mittlerer Röhrenmonitor gerade so noch darstellen kann (gelbes Dreieck rechte Ecke).
Temperaturkarte vom 18.07.2022. Es gibt eine Vielzahl hoschgesättigter
roter Pixel bis an die Grenzen des PAL/EBU-Gamuts. Viele der Farben liegen außerhalb dessen, was Röhrenmonitore
darstellen können.
Dabei fällt auf, dass man sich in den älteren Karten (2003, 2012) von der roten Primärfarbe fernhielt. Es scheint, als sei man sehr darauf bedacht gewesen, die verwendeten Farben innerhalb des Farbraums eines Röhrenmonitors zu halten, denn nur wenige Pixel der Temperaturkarten liegen außerhalb. Seit 2014 nutzt man hingegen den gesamten Farbraum aus. Dies war der Zeitpunkt, ab dem Röhrenmonitore nicht mehr als relevant angesehen wurden.
Temperaturkarte vom 12.08.2003 angezeigt auf einem alten Röhrenfernseher.
Temperaturkarte vom 18.08.2012 angezeigt auf einem alten Röhrenfernseher.
Temperaturkarte vom 18.07.2022 angezeigt auf einem alten Röhrenfernseher. Hoch gesättigte Rottöne können nicht voneinander unterschieden werden.
Werden die Temperaturkarten auf einem alten Röhrenfernseher (CRT) angezeigt, so wird deutlich, dass die hochgesättigten Rottöne der neueren Karte (Bild ?) praktisch nicht voneinander zu unterscheiden sind. Sie erscheint fast einfarbig rot. Der Grund für die Vermeidung solcher Farbtöne in den älteren Karten liegt in deren Nichtdarstellbarkeit auf den damaligen Fernsehgeräten.
Dass seit 2014 der gesamte Farbraum genutzt wird, verbessert prinzipiell die Temperaturkarte, da insgesamt mehr unterschiedliche Farbtöne verwendet werden können. Den Wunsch nach mehr Farbdynamik kann man der Wetterredaktion der ARD nicht vorwerfen.
Bislang wurden immer nur einzelne Farben betrachtet. Für eine abschließende Bewertung ist es aber sinnvoll, die gesamte Farbskala auszuwerten. Diese wurde jedoch nicht veröffentlicht und auf eine Anfrage bei der Wetterredaktion wurde zwar sehr freundlich Auskunft über regelmäßige Wechsel der Skala gegeben der Wunsch nach Übermittlung der Daten derselben wurde allerdings entweder übersehen, vergessen oder ignoriert. Es war zugegebenermaßen auch ein sehr spezielles, technisches Ansinnen.
Wir müssen die Farbskala also aufwendig aus öffentlich zugänglichen Temperaturkarten selbst rekonstruieren. Dafür wurden für das Jahr 2025 eine Auswahl an Tages- und Nachttemperaturkarten aus den Sommermonaten gesammelt. Die Annahme ist, das die Farbskala für die Tages und Nachtkarten identisch ist. Es wurden nur Karten aus dem Sommer verwendet um die Wahrscheinlichkeit eines Skalenwechsels zu minimieren. Wenn das nicht der Fall ist, sollte das aus den Ergebnissen ersichtlich werden. Ein manueller Abgleich der Farben zwischen Tages und Nachtkarten legt allerdings nah, das die Farbskala identisch ist.
Um die für diesen Artikel verwendete Methodik transparent und nachvollziehbar zu machen, werden alle für die Erstellung verwendeten Skripte und Bilder in einem Archiv auf GitHub bereit gestellt.